Internationaler Johann-Gottfried-Seume-Verein „ARETHUSA“ e. V. Grimma

20 Jahre Seume-Verein-ARETHUSA 1998-2018

Festakt anlässlich der Gründung des Johann-Gottfried-Seume-Vereines „ARETHUSA“ e.V. Grimma vor 20 Jahren am 01.12.2018 um 14 Uhr, Aula Haus Seume des Gymnasiums St. Augustin Grimma

Am Samstag, den 01.12.2018 feiert ARETHUSA seinen 20. Geburtstag. Es werden vertonte Werke von Seume vorgetragen, Rückblick und ein spannender Vortrag gehalten. Alle, die mitfeiern wollen, sind herzlich eingeladen und sollten sich den Termin vormerken.

Lutz Simmler Grimma, 30.08.2018
Vorsitzender Arethusa e.V.


Mein Verein

Von Karl Wolfgang Biehusen

Das Plakat ist verblasst, seine Botschaft ist noch lesbar: "1805 - 2005. Seume ja Dorpat. Valgustaja Juubel". In Deutschland und in Estland kündigte es eine Ausstellung und eine Tagung im Deutschen Kulturinstitut Tartu an, die der Seume-Verein "Arethusa" organisiert hatte. Das Plakat hängt noch immer in meinem Arbeitsraum - zur Erinnerung an die aufregende Zeit, die ich (zusammen mit vielen Vereinsmitgliedern) bei der Tagung und zuvor bei deren Vorbereitung in Estland erleben durfte.

Dieses "Event" ist beileibe nicht das einzige, mit dem der Verein seit seiner Gründung vor zwanzig Jahren seine Mitglieder mobilisiert hat, um Johann-Gottfried Seume nachzuspüren und zu würdigen. Einmal hat Seume sie bis nach Sizilien gelockt. Am 01. April 2002 umstanden sie in Syrakus den Ort, den er 200 Jahre zuvor besucht und als Ziel seines "Spaziergang(s) nach Syrakus im Jahre 1802" bezeichnet hatte: die legendäre Quelle namens Arethusa.

Eine Gruppe hatte den langen Weg nach Sizilien sogar per Fahrrad bewältigt: Annett Höhne, die unvergessene Gründerin und vieljährige Vorsitzende des Vereins, konnte ihre Leute wunderbar mobilisieren. So sorgte sie auch dafür, dass sie nicht versäumten, Seumes Todestag würdig zu begehen. Am 13. Juni 2010 traf man sich im tschechischen Teplice am Grab von J. G. Seume. 200 Jahre zuvor ist er in "Teplitz" gestorben, wurde vor Ort beerdigt - und bis heute nicht vergessen. Selbst ein Vertreter der Stadt nahm sich Zeit für eine Ansprache.

Es wäre ungerecht, beim Erinnern an die Geschichte des Seume-Vereins nur diese drei außergewöhnlichen Ereignissen zu erwähnen. Hat er doch in den vergangenen 20 Jahre wahrhaft "seumisch" gewirkt, sportiv und aufklärerisch. Zu Fuß und per Fahrrad sind Vereinsmitglieder auf Seume-Wanderungen und Seume-Radtouren unterwegs. Und sie engagieren kulturell, bei zahllosen Veranstaltungen im Göschenhaus und lange Zeit im Seume-Haus. Seit 2001 vergibt "Arethusa" zudem alle zwei Jahre den von der Sparkasse Muldental gesponserten "Seume-Literaturpreis". Als Juror habe ich einst den Aufwand würdigen gelernt, der damit verbunden ist.

Undankbar wäre ich, verschwiege ich den Anlass, der mich 1999 zum Seume-Verein "ARETHUSA" führte. Es war ein Film-Projekt, bei dem ich selber den Seume mimte. Der Film "Spaziergang nach Syrakus - Auf Seumes Spuren nach Sizilien" hat der NDR am 06.12.2001 gesendet, exakt 200 Jahre nach Aufbruch des echten Seumes. Aus gutem Grund beginnt er im Göschenhaus: dort traf ich schon bei der Recherche Menschen, die mir auf dem Weg zum Seume-Verständnis weiterhalfen. Übrigens: laut dem oben genannten Plakat bedeutet "Valgasta Juubel" auf Deutsch "Jubiläum eines Aufklärers" und in dieser Rolle gefällt mir Johann Gottfried Seume besonders gut.


Das Erbe von sf

Wenn wir uns über das 20 jährige Jubiläum des Seume-Vereins ARETHUSA in diesem Jahr freuen, dann ist an dieser Stelle noch weiter zurück zu blicken. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass der Verein gegründet worden wäre, wenn nicht schon längst das Göschenhaus als Seume Gedenkstätte bestehen würde. Das Museum verdankt seine Existenz ganz allein einer Frau, die unter dem Kürzel sf nicht nur im Raum Grimma bekannt wurde, sondern deren Name sogar bis ans andere Ende der Welt vorgedrungen war. Ich kam in Namibia in der Kirche von Lüderitz mit einem Mann ins Gespräch, der sich sehr wohl und gut an sf erinnern konnte. Wer war diese Frau, den Älteren vielleicht noch persönlich bekannt, den jüngeren Lesern bestenfalls aus Erzählungen. So sollen hier einige persönliche Erinnerungen an sie folgen. Die Geschichte begann am 15.6.1949 in Sachsendorf. Als für Geschichte Interessierte und Museumsgründerin lernten meine Eltern Frau Renate Sturm-Francke auf einer Ausgrabung kennen. Das war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Als Bodendenkmalpflegerin (eigentlich hatte sie einen pädagogischen Beruf erlernt) setzte sich sf, so wurde sie von allen genannt, für die Belange der Geschichtswissenschaften ein. Die Abkürzung sf bezieht sich auf Sturm-Francke, denn zu dieser Zeit war es noch auffällig, wenn Frauen ihren Geburtsnamen behielten. Ich erinnere mich noch genau, wie ich 15 Jahre später über frisch gepflügte Felder mit ihr Scherben lesen gegangen bin. Unsere Schuhe waren voller Lehm, aber wir waren glücklich über jeden Fund, den sie dann auch gleich bestimmen konnte. Das beeindruckte mein Kindergemüt. Aber noch einmal zurück: Als meine Mutter mit mir schwanger ging, wusste sf sofort einen Namen für mich: Situla. Eine Situla ist eine dreibeinige Schale aus römischer Zeit, also ein Fund für Archäologen -mein Vater war einer-. Da ich aber kein Mädchen wurde, wurde kurzerhand aus der Situal ein Situlus. Wenn ich heute darüber nachdenke, scheint mir die Namensgebung nicht nur eine Offerte an die Archäologie zu sein, sondern sie drückt auch ihre Denkungsart aus: Ein Baby ist wie ein leeres Gefäß, das durch Bildung und Erziehung zu füllen ist. Dazu hat sie dann, so gut sie konnte, beigetragen. Man schrieb das Jahr 1963. Ich beendete damals gerade die 4. Klasse. Von nun an lud mich meine Patentante jährlich in den Sommerferien zu einer Woche Urlaub ins Museum ein. Ich schreibe bewusst Museum, obwohl ich natürlich zur Familie eingeladen war, aber die jährlichen Aufenthalte waren Höhepunkte mit einem großen „Bildungseffekt“. Auf diese Art und Weise füllte sich das leere Gefäß. In den ersten Jahren nahm ich das Fahrrad per Zug mit, später fuhr ich direkt mit dem Rad von Dresden nach Grimma-Hohenstädt, weil auch sie meist mit dem Rad unterwegs war. Sie unternahm mit mir viele Ausflüge in Museen, auf Burgen und Schlösser und in Städte, die ich sonst nicht gesehen hätte. All die Orte waren in dem für die DDR typischen Grau und meist sehr heruntergekommen. Doch sie verstand es, meinen Blick auf das Wesentliche zu lenken. Im Gegensatz dazu erstrahlt das Göschenhaus vor meinem inneren Auge in den schönsten Farben. Öfter kamen in ihr Museum Kindergruppen, an deren Führungen ich immer wieder teilnahm. Dabei veranstaltete sie meist eine historische Modenschau. Bei gutem Wetter fand die Vorstellung der Kostüme dann, von der „Museumsdirektorin“ kommentiert, unter der großen Kastanie im gepflegten Garten statt. Alle Teilnehmer konnten sich aus Koffern und Truhen Garderobe auswählen und so war die Gruppe schnell in die Vergangenheit versetzt. Da waren die Geschichten, die wir Kinder über die großen Gelehrten hörten plötzlich nicht mehr so fern. Wir steckten ja selbst in den Kleidern jener Zeit. So lernte ich auch einiges über Seume, wobei mich seine Wanderungen damals mehr beeindruckten als seine schriftstellerische Tätigkeit.

Wenn ich zu sf fuhr, dann gehörte für mich alles im und um das Göschenhaus zusammen. Ihr Mann, Dr. Hans Sturm hielt sich ganz im Hintergrund. Er war ein belesener Anwalt, der durch seine Einkünfte erst das Museum ermöglichte. Als ich älter war, genoss ich die langen Gespräche mit ihm in der Bibliothek. Dabei merkte ich deutlich: Er wusste mehr als er sagte. Auch Ankermanns, die nach dem 2. Weltkrieg als Flüchtlinge hier eine neue Heimat gefunden hatten, waren in den Museumsbetrieb integriert. Herr Ankermann hielt den großen Garten nach seinen Möglichkeiten in Ordnung. Den Wein, der nun wieder vor dem Haus wächst, hat er angebaut. Die Versorgungslage in der DDR war so schlecht, dass auch der Gemüseanbau sinnvoll war. So erinnere ich mich, dass unterhalb der Laube rechts hinter dem Weinlaubengang Sturms Tomatenstöcke reichlich Frucht trugen. Familie Ankermann hatte ihren großen Gemüsegarten und die Kaninchenställe hinter der großen Ligusterhecke. Abends saß sf dann oft Pfeife rauchend an der Schreibmaschine und tippte im Telegrammstil für mich ein Tagebuch. Immerhin sind es kleine Erinnerungen an die Tage im Göschenhaus in der Zeit von 1963 bis 1971. Ein Blick in diese Tagebücher zeigt mir, dass damals das Museum bereits zu den „Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar“ gehörte. Für Sturms war es wichtig, dass ihr Museum über ihr eigenes Leben Bestand hat. Darum begann damals schon die Odyssee von staatlicher Zuordnung, angefangen von Weimar über Leipzig bis hin nach Grimma. So entspricht der Punkt in der Satzung des Seumevereins „Arethusa“, sich für den Erhalt des Göschenhauses einzusetzen, ganz diesem Geist.