Internationaler Johann-Gottfried-Seume-Verein „ARETHUSA“ e. V. Grimma

Johann Gottfried Seume (1763-1810)
Werke eines Dichters im Teichen des Umbruchs
kommentierte Auswahl

1783
Das Gedicht Der Wilde entsteht mit großer Wahrscheinlichkeit in dieser Zeit. Es ist das wohl bis heute bekannteste Gedicht Seumes, das in vielen Gedichtanthologien aufgenommen wurde und wird. Die Schlusszeile Und er schlug sich seitwärts in die Büsche wurde zum geflügelten Spruch. Die Erstveröffentlichung findet sich 1793 in Schillers Zeitung Thalia [Leipzig: Göschen 1793, Bd. 3, S.255 ff.].


1788
Seumes Übersetzung von Robert Bages The Fair Syrian. A Novel erscheint bei Georg Joachim Göschen in Leipzig unter dem Namen Honorie Warren.


1789
Schreiben aus America nach Deutschland, das vielleicht schon in Seumes Zeit in Nordamerika verfasst wurde, erscheint in J. W. Archenholtzs Zeitschrift Neue Litteratur und Völkerkunde [Jahrgang 1789, Bd.2, S.362-381].


1792
Seume lateinische Habilitationsschrift Arma veterum cum nostris breviter comparata [zu deutsch etwa: Die Bewaffnung in der Antike und in der heutigen Zeit. Ein kurzer Vergleich] erscheint in Leipzig in einem Privatdruck.


1793
Die Schrift Ueber Prüfung und Bestimmung junger Leute zum Militair entsteht und wird beim Warschauer P. Dufour gedruckt. Auf den letzten 13 Seiten der 80 Seiten umfassenden Schrift findet sich das Gedicht Über Glückseligkeit und Ehre. An Stackelberg.


1796
Als Russisch-Kaiserlicher Lieutenant veröffentlicht Seume die Erinnerung an seine Warschauer Zeit unter dem Titel Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794, die letzten vierzig Seiten enthalten Gedichten und eine Erzählung von Seume. Verleger ist Gottfried Martini in Leipzig. In diesem Verlag erscheint auch Seumes Anthologie Obolen. Erstes Bändchen, einer Sammlung von meist unveröffentlichten kurzen Aufsätzen, Bemerkungen, Erzählungen, und Gedichten auf gut 200 Seiten.


1797
Es erscheinen die beiden Aufsätze Über das Leben und den Karakter der Kaiserin von Rußland Katharina II. / Mit Freymüthigkeit und Unparteylichkeit und Zwey Briefe über die neuesten Veränderungen in Rußland seit der Thronbesteigung Pauls des Ersten. Als Verlagsort wird Altona bzw. Zürich genannt; erst 1810 klärt Göschen in einer Verlagsanzeige in Seumes posthum erschienen Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute [Impressum 1811] seine Verlegerschaft für beide Aufsätze auf. Bei Varrentrapp und Wenner in Frankfurt am Main erscheint die Gedichtsammlung Rückerinnerungen von Seume und Münchhausen mit den zwei Seume-Gedichten Abschiedsschreiben meinem Freunde Münchhausen [Erstveröffentlichung in Schillers Neue Thalia 1792, 2. Bd., S.40 ff.] und Rückerinnerungen an meinen Freund Münchhausen [Erstveröffentlichung 1796 in Seumes Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794]. Wahrscheinlich hat Karl von Münchhausen diese Gedichtsammlung selbstständig herausgegeben; ob Seume bei der Herausgabe beteiligt war, ist nicht sicher. Die Rückerinnerungen spiegeln zum Teil die gegenseitig verfassten Gedichte der Freunde wieder.


1798
Seume veröffentlicht das Zweyte Bändchen der Obolen, die Seume seinem Förderer Johann Wilhelm Ludwig Gleim aus Halberstadt widmet. Ähnlich wie der erste Band werden wieder kurze Texte und Gedichte auf knapp 200 Seiten geboten. Der Leipziger Verleger Gottfried Martini zeichnet sich wieder als Verleger. Im Winter arbeitet Seume auf Wunsch Göschens an ein Erbauungsbuch im Stile von Rudolf Zacharias Beckers Auflagenbestseller Not- und Hülfsbüchlein für Bauersleute. Göschens Wunsch, alles etwas gefälliger umzuschreiben, kommt Seume nicht nach. Erst nach Seumes Tod wird Göschen dann das Buch unter dem Titel Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute veröffentlichen.


1799
In Christoph Martin Wielands Zeitung Der Neue Teutsche Merkur [Jg. 1799, Bd. 2, S.193 ff.] erscheint Seumes Aufsatz Anekdoten zur Karakterschilderung Suworows. Seume arbeitet an dem Lang- und Lehrgedicht Asträa, das aber Fragment bleiben wird. Erst 1879 wird das Gedicht in Prosaische und poetische Werke veröffentlicht, der – bis zum heutigen Tage – größten Seume-Gesamtausgabe in 10 Teilen bzw. 4 Bänden.


1801
Bevor Seume seinen Spaziergang nach Syrakus antritt, sichtet er seine Gedichte und gibt sie in einer ersten Gesamtschau unter dem schlichten Titel Gedichte beim Leipziger Verleger Johann Friedrich Hartknoch d. J. heraus. Hier werden 45 Gedichte präsentiert, davon 11 Erstveröffentlichungen.


1802
Adelaide. Eine ländlche Erzählung von Seume erscheint in dem gemeinsam mit Johann Christian Hermann Gittermann herausgegebenen Buch Zwey romantische Erzählungen [Frankfurt am Main bei F. Wilmans, S.3-96]. Nach der Rückkehr aus Italien und Frankreich Ende August beginnt Seume – u. a. in Grimma – mit der Niederschrift seines Spaziergangs.


1803
Im Januar sendet Seume seinem Verleger Hartknoch d. J. den größten Teil seines Spaziergangs, im Februar ist der Text dann komplett. Ein Vorabdruck der Ätna-Episode unter dem Titel Die Reise auf den Aetna. Ein Fragment aus Seume’s Wanderungen erscheint in Eunomia. Eine Zeitschrift des neunzehnten Jahrhunderts [Jg. 1803, 1. Bd., S. 253 ff.]. Der komplette Text Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 erscheint als Buchausgabe dann mit großer Wahrscheinlichkeit im Mai. Der Spaziergang setzt sich aus eigenen Briefkopien von Briefen, die er von unterwegs an Freunden und Bekannten schrieb, und aus Tagebuchnotizen zusammen; beide Textquellen erscheinen in der Buchausgabe redigiert. Wohl wegen des zum Teil kritischen Inhalts verzichtet Hartknoch auf seine Nennung, sodass nur Braunschweig und Leipzig als Druck- und Verlagsort erscheint. Eine fast identische Ausgabe – die sogenannte „nullte Auflage“ – erscheint mit dem Impressum Dresden, Hartknoch; diese Ausgabe scheint allerdings nur für Freunde Hartknochs gedruckt worden zu sein. Sowohl die „nullte“ als auch die erste Auflage – knapp 500 Seiten stark – hat noch nicht die Zweiteilung im Sinne „nach Syrakus“ bzw. „von Syrakus“, die seit der zweiten Auflage von 1805 üblich geworden ist. Bis heute ist der Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 das wohl bekannteste Buch Seumes geblieben.


1804
Gedichte. Zweyte, vermehrte und verbesserte Ausgabe wird bei Hartknoch veröffentlicht. Nun sind insgesamt 52 Gedichte aufgenommen, davon aber nur noch ein Gedicht als Erstveröffentlichung. Auch bei Hartknoch erscheint Ueber Bewaffnung, eine militärhistorische Schrift auf 124 Seiten.


1805
In zwei Jahrgängen gibt Göschen das Journal für deutsche Frauen heraus, das im ersten Jahrgang noch den Nachsatz Von Frauen geschrieben im Titel trägt. Neben Christoph Martin Wieland, Friedrich Schiller (nur 1805) und Friedrich Rochlitz zeichnet sich auch Seume als Herausgeber. Doch Seume ist nur am Rande Ratgeber, die eigentliche Arbeit übernehmen Rochlitz und Göschen, steuert aber drei eigene Gedichte bei. Im Leipziger Verlag Wilhelm Rein und Compagnie wird ein Buch von Robert Percival (1765-1826) veröffentlicht. Der Titel mutet monströs an: Beschreibung des Vorgebirges der guten Hoffnung. Eine historische Übersicht der ersten Niederlassung der Holländer, der Einnahme durch die Britten 1795, und der verschiedenen Staatsabsichten, die die holländische und brittische Regierung daselbst beobachteten; desgleichen eine Skizze seiner geographischen Lage, seiner Erzeugnisse, der Sitten und Gebräuche seiner Bewohner, u. s. w. Mit einer Uebersicht der politischen und merkantilischen Vortheile, welche England aus dem Besitz desselben ziehen könnte. (...) Aus dem Englischen frey übersetzt. Die Übersetzung stammt von Seume und stellt damit – nach 1788 – die zweite große Übersetzungsarbeit Seumes dar. Im Herbst erscheint als Zweyte verbesserte Auflage der Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Erstmals wird der Titelzusatz Zwey Theile beigefügt und die einzelnen Teile werden mit Von Leipzig nach Syrakus und Von Syrakus nach Leipzig benannt. Hartknoch nennt seinen Verlagsnamen wieder nicht.


1806
Unter dem einfachen Titel Mein Sommer 1805 wird Seumes zweiter große Reisebericht bei E. F. Steinacker in Leipzig. Wie schon beim Spaziergang sind Briefe und Notizen verarbeitet, die Seume sich während seiner Reise 1805 nach Ost- und Nordeuropa – die sogenannte „Nordische Reise“ – gemacht hat. So sehr dieser Bericht exemplarisch für den politisch schreibenden späten Seume steht, so sehr steht doch Mein Sommer in der Bekanntheit weit hinter dem Spaziergang. Im Vorwort zu Mein Sommer findet sich eine quasi theoretische Begründung für die Fortbewegung zu Fuß, gewissermaßen dem Spaziergang nachgeschoben, da Seume seine nordische Reise fast ausschließlich mit Kutschen bewältigt hat. Die Finanzierung des Buches geschieht durch Göschen, der es wieder vorzieht, den politisch heiklen Text nicht selbst ins Programm zu nehmen und so nur im Hintergrund für Seume aktiv wird. Ab der ersten Jahreshälfte 1806 beginnt Seume seine Arbeit an der Aphorismensammlung Apokryphen, die erst – unvollständig und stark redigiert – 1811 posthum veröffentlicht wird. Dieses politische Hauptwerk Seumes, die die schärfsten Beobachtungen der Zeit aufweisen, will Seume anscheinend in lateinischer Sprache veröffentlichen, da er das Manuskript deutlich in zwei Spalten anlegt, doch ist es dazu nicht mehr gekommen.


1807
Bei Hartknoch wird mit Militiades. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen das einzige Drama Seumes veröffentlicht. Wieland wird an Seume schreiben, dass dieses Schauspiel zwar gut, aber kaum für die Bühne sei. Wieland wird recht behalten: Militiades ist – trotz eines nachweislichen Anlaufes im 19. Jahrhundert – bis heute nie aufgeführt worden. Seume berichtet davon, dass er an einem Plutarch-Buch in lateinischer Sprache arbeitet, von dem allerdings entweder nur das Vorwort erhalten ist oder nur dieses Vorwort geschrieben wurde. Dieses Vorwort ist – wie fast immer beim späten Seume – ein hochpolitischer Text, der die Verkleidung der Antike nutzt, um aktuelle gesellschaftliche Missstände anzusprechen. In der zwölfbändigen Ausgabe von J. G. Seume’s sämmtliche Werke (1826 / 1827) wird das Vorwort Praefatio ad fasciculum observationum et coniecturarum in locos Plutarchi difficiliores erstmals im Band 4 (1826) veröffentlicht. Eine deutsche Übersetzung wird in der Hempel-Ausgabe von 1879 mit dem Titel Vorwort zu einem Bändchen Bemerkungen und Conjecturen zu schweren Stellen des Plutarch veröffentlicht. Eine interessante Seume-Ausgabe erscheint in London bei Richard Phillips: A tour through part of Germany, Poland, Russia, Sweden, Denmark & c. during the summer of 1805. Es handelt sich um eine Teilübersetzung von Mein Sommer 1805; der Übersetzer ist unbekannt. Nicht ganz klar ist, ob das Buch 1807 – so das Impressum – oder erst 1808 erschienen ist.


1809
Kampf gegen Morbona bey der Genesung niedergeschrieben von J.G.S. Im Februar 1809 umfasst nur 24 Seiten. Der ungenannte Herausgeber, der auch das Vorwort verfasst hat, ist Christoph August Tiedge, der Lebensgefährte bzw. Freund von Elisa von der Recke. Tiedge veröffentlicht das Gedicht, um damit Seume finanziell zu helfen, doch dieser war nicht erfreut, hatte die Ausgabe doch einige Fehler zu verzeichnen. Hinter Morbona verbirgt sich eine von Seume erfundene Krankheitsgöttin; im Gedicht rekapituliert Seume sein eigenes Leben. Wegen der politischen Brisanz des Textes „versteckt“ sich der Elberfelder Verleger Schönian hinter dem Impressum Germanien. Im Winter 1809/1810 arbeitet Seume an seinen letzten großen Text, seiner Autobiographie Mein Leben, die posthum 1813 bei Göschen erscheinen wird.


1810
In Minerva. Taschenbuch für das Jahr 1811 [Leipzig: Gerhard Fleischer d. J., S.73ff.] wird Seumes letzter verfasster Text veröffentlicht. Seume thematisiert in Ausflucht nach Weimar seine 1810 unternommene Reise nach Weimar. Seumes Gedichte kommt als dritte – vermehrte und verbesserte – Auflage bei Hartknoch heraus. An der Entstehung nimmt Seume noch aktiv teil. 63 Gedichte erscheinen, davon sind zwei Gedichte Erstveröffentlichungen. Ein gleichzeitiger – nicht autorisierter – Nachdruck in Wien bzw. Prag bei Franz Haas zeigt das Interesse an den Gedichten von Seume. Nach Seumes Tod veröffentlicht Göschen, dem der Tod Seumes sehr nahe geht, das 1798 noch in dieser Form abgelehnte Buch Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute, dessen erster – unbekannterer – Titel Ein Nachlass moralisch-religiösen Inhalts lautet. Herausgeber dieser Schrift ist M. Johann Samuel Vertraugott Schieck, dem Seume nach der Ablehnung durch Göschen das Manuskript geschenkt hatte. Das Impressum gibt 1811 an, gedruckt wird es allerdings nur wenige Wochen nach Seumes Tod bereits 1810; die Grimmaer Druckerei benötigt für die Herstellung zwei Wochen.


1811
Dritte, sehr vermehrte Auflage des Spaziergangs erscheint in drei Teilen bei Hartknoch, wie schon bei den beiden anderen Auflagen allerdings ohne Nennung des Verlegers. Der dritte Teil ist überschrieben mit Apokryphen von J. G. Seume. nebst dessen übrigen literarischen nachlass und Anmerkungen und Zusätzen zu seinen Spaziergang nach Syrakus. Verantwortlich für diese Zusammenstellung ist Seumes bester Freund Veit Hanns Schnorr von Carolsfeld, der aber ungenannt bleibt. Die Apokryphen werden hier stark gekürzt und redigiert, trotzdem wird es zu polizeilichen Untersuchungen kommen, da die in den Aphorismen scharfe Kritik an gesellschaftlichen Zuständen die Zensoren auf den Plan rufen. Es braucht lange, bevor man einen ungestellten Blick auf dieses Werk werfen kann, denn eine vollständige textkritische Gesamtausgabe der Apokryphen gibt Dirk Sangmeister erst 2013 heraus.


1813
Drei Jahre nach Seumes Tod wird Seumes Biografie-Fragment Mein Leben bei Göschen herausgegeben. Seume hat seine Biografie nur bis in das Jahr 1783 verfasst. Die weitere Lebensbeschreibung Seumes – ab Seite 184 – stammt von Göschen selbst, der als Autorenangabe aber nur „–n“ angibt. Auf den letzten 20 Seiten [S.265-285] berichtet Christian August Heinrich Clodius (1772-1836) von Seumes letzten Tagen in Teplitz. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat Göschen den Text Seumes [S.1-183] redigiert, um vermeintlich politisch anstößige Stellen zu entschärfen. Das Manuskript des von Seume verfassten Teiles von Mein Leben liegt heute in der Foundation Bodmer in Genf. Leider konnte bis heute keine textkritische Ausgabe dieses Manuskript erscheinen.

© Thorsten Bolte (Grimma), 2015