Internationaler Johann-Gottfried-Seume-Verein „ARETHUSA“ e. V. Grimma

Johann Gottfried Seume (1763-1810)
Chronik eines abenteuerlichen Lebens

1763
Seume wird am 29. Januar 1763 als ältestes Kind von fünf Kindern einer Bauernfamilie im sächsischen Poserna geboren [heute zu Lützen (Sachsen-Anhalt) gehörend]. Die Eltern sind der wohlhabende Landwirt Andreas Seume und seine Frau Regina Christina Seume.


1770
Umzug nach Knautkleeberg bei Knauthain [heute zu Leipzig gehörend], wo Andreas Seume den Gasthof Weißes Roß mit Landwirtschaft pachtet. Seume besucht bis 1777 die Dorfschule in Knauthain.


1771
Familie Seume gerät in große wirtschaftliche Schwierigkeiten.


1773
Andreas Seume erkrankt schwer.


1776
Am 25. Juli 1776 stirbt Andreas Seume mit 38 Jahren, Regina bleibt mit den fünf Kinder allein zurück, dadurch gerät die Familie in eine wirtschaftlich prekäre Lage.


1777
Graf Wilhelm von Hohenthal nimmt sich als Förderer Seume an. Dieser kann ab Ostern 1777 bis Juni 1779 die Stadtschule in Borna besuchen, die als Lateinschule ein gutes Fundament in Seumes Erziehung legen wird.


1779
Seume besucht die renommierte Nicolaischule in Leipzig.


1780
Seume immatrikuliert sich an der Universität Leipzig; auf Anordnung von Graf Hohenthal studiert er Theologie. Aufklärerische und kirchenkritische Texte führen bei Seume zu einer zunächst innerlichen Abkehr vom Studium und einem möglichen Leben als Pfarrer. Seume beschäftigt sich dagegen intensiv mit schöngeistiger Literatur und besucht häufig das Theater.


1781
Ende Juni 1781 verlässt Seume fluchtartig Leipzig, die genauen Beweggründe sind bis heute unklar. Seume gibt später an, dass er nach Paris wollte, um dann anschließend die Artillerieschule in Metz zu besuchen. In der ersten Stadt auf hessischem Boden, Vacha [heute Thüringen, direkt an der hessisch-thüringischen Grenze], wird er mehr oder weniger zwangsweise von hessischen Soldatenwerbern angeworben. Mit weiteren Rekruten wird Seume innerhalb des Subsidien-Tractates – eines Soldatenvermietungsvertrages zwischen Landgraf Friedrich II. von Kassel-Hessen (1720-1785) und dem englischen König Georg III. – an die Engländer für den Unabhängigkeitskrieg in Nordamerika vermietet. Im hessischen Ziegenhain erfährt Seume eine kurze soldatische Ausbildung.


1782
Seume berichtet im Februar erstmals einen Freund, wo er abgeblieben ist. Die Rekruten verlassen Ziegenhain und marschieren nach Kassel, wo rund 1000 Soldaten auf kleinen Schiffen nach Bremen gebracht werden. Nach einer Wartezeit – Seume schreibt während dessen auch seinem Förderer von Hohenthal und bittet um Entschuldigung – geht es weiter nach Bremerlee (Lehe), wo die Soldaten Ende Mai 1782 auf englische Überseeschiffe gebracht werden. Am 9. Juni werden die Segel gesetzt und nach gut neun Wochen erreichen die Schiffe am 13. August 1782 den Hafen von Halifax (New Scotia). Die einfachen Soldaten – darunter Seume – dürfen erst eine Woche später am 19. August den nordamerikanischen Kontinent betreten. Da die Kriegshandlungen zwischen den Engländern und den Amerikanern schon eingestellt sind, bedeutet der Aufenthalt in Halifax ein Leben im Lager mit wenig Abwechslung. Seume beschäftigt sich mit Dichtung und freundet sich deshalb mit dem Offizier Karl Ludwig August Heino Freiherr von Münchhausen an, der Seumes Lebensqualität gegenüber den Mitsoldaten deutlich verbessern kann.


1783
Im August 1783 beginnt die Rückfahrt der Truppen nach Bremen. Kaum europäisches Festland erreichend flieht der uniformierte Seume, um nicht erneut gegen sein Willen vermietet zu werden. Doch in Ostfriesland wird Seume von preußischen Werbern aufgegriffen. Bis 1787 muss nun Seume einen erneuten Militärdienst in der Garnison zu Emden verbringen. Wegen seiner großen Sprachbegabung gehört es zu seiner vorrangigen Aufgabe, Offizieren und deren Kinder Sprachunterricht zu erteilen. Trotzdem – wie bereits als hessischer Soldat – versucht Seume mehrmals von der Truppe zu fliehen. Nur seine erstklassigen Kontakte zu den preußischen Offizieren verhindert harte Strafen. Schließlich wird Seume ein Urlaub in Sachsen gewährt, dafür muss er eine hohe Kaution hinterlegen, die ein Emdener Kaufmann bereitgestellt hat. Alle Seiten wissen, dass Seume nicht mehr zurückkehren wird. Vorerst lebt er wieder bei seiner Mutter in Knautkleeberg.


1788
Mit der Übersetzung des Honorie Warren (erschienen bei Göschen in Leipzig) kann Seume die Kaution an den Kaufmann in Emden zurückzahlen. Diese Übersetzung ist zugleich die erste Buchproduktion aus der Feder Seumes.


1789
Im Dezember immatrikuliert sich Seume erneut an der Universität Leipzig, doch statt Theologie studiert er nun Geschichte, Jura, Philologie und Philosophie. Wieder ist es der Graf von Hohenthal, der mit einem Darlehen Seume finanziell maßgeblich unterstützt. Seume nutzt diese Zeit, um wichtige Kontakte zu knüpfen, etwa die zu Christian Felix Weiße.


1790
Bis 1792 wird Seume dem livländischen Gustav Andreas Otto Graf von Igelström als Hauslehrer und Erzieher zur Seite stehen. Diese Aufgabe ermöglicht ihm auch, von Hohenthal einen Teil des Darlehens zurückzuzahlen. Seumes Bruder Abraham (* 1773) verschwindet spurlos, der sich als Schustergeselle nach Westen aufmachen wollte, ohne die Familie zu informieren, einem Wesenszug ganz ähnlich seinem älteren Bruder. Erst 1838 wird Abraham von der Familie für Tod erklärt.


1791
Ende des Jahres promoviert Seume zum Magister Artium.


1792
Mit der in Latein verfassten Arbeit Arma veterum cum nostris breviter comparata [zu deutsch etwa: Die Bewaffnung in der Antike und in der heutigen Zeit. Ein kurzer Vergleich] habilitiert sich Seume Ende März und wird Privatdozent. Im August 1792 reist er – über Riga und Dorpat – nach Pleskow / Russland, um als Adjudant bzw. Sekretär Otto Heinrich Freiherr von Igelström zu dienen. Freiherr von Igelström ist russischer General und Onkel von Seumes ehemaligem Schüler. Seume wird nach hessischen bzw. englischen und preußischen Militärdiensten nun russischer Soldat.


1793
Freiherr von Igelström befehligt ab Januar 1793 (bis Ende 1794) die russischen Truppen in Warschau. Seume wird zum Lieutenant à la suite des Petersburger Grenadierregiments befördert. Ende Mai unternimmt Seume eine Reise nach Leipzig, wo er mehrere Monate verbringen wird; dort lernt er auch den Maler – und späteren Freund – Veit Hanns Schnorr von Carolsfeld kennen. Im September kehrt er nach Warschau zurück, in Begleitung von Igelströms Neffen.


1794
Der Polnische Osteraufstand unter Tadeusz Kosciuszko und die damit verbundene kurzzeitige Vertreibung der russischen Truppen aus Warschau bringt Seume in eine enorm gefährliche Situation. Mehrere Monate verbringt er in polnischer Gefangenschaft, bevor bevor der Aufstand vom russischen Marschall Suworow niedergeschlagen wird. Anscheinend reist Seume nach der Befreiung mit Igelström nach Riga, um ein Rechtfertigungsschreiben an die Zarin Katharina II. zu verfassen.


1795
Seume kehrt nach Leipzig als Begleiter des jungen russischen Majors Muromzow zurück, den er nach Italien begleiten soll. Für dieses Unternehmen hat er vom russischen Militär ein Jahr Urlaub bekommen. Die unruhige Lage in Italien verhindert dieses Unternehmen.


1796
Seume bereist Dessau, Wörlitz, Jena und Berlin, wo er Prinz Louis Ferdinand von Preußen trifft. Er lernt im Sommer den Schriftsteller Garlieb Merkel und schließlich im Herbst Friedrich Schiller kennen. Zum Jahreswechsel 1796 / 1797 kommt es zur verhängnisvollen Liebe zur Leipziger Kaufmannstochter Wilhelmine Röder, die Seume durch Schnorr von Carolsfeld kennenlernt, der im Hause Röder Zeichenunterricht gibt. Seume ist völlig von der Liebe zu Wilhelmine gefangen genommen und erkennt viel zu spät, dass die Familie Röder einer Verbindung nie zustimmen würde. In diese Zeit fällt Seumes Entschluss, eine bürgerliche Existenz aufzubauen, um bei einer möglichen Heirat eigene Mittel vorzuweisen.


1797
Anfang des Jahres bittet Seume um Entlassung aus der russischen Armee. Paul I., Nachfolger von Katharina II. von Russland, befehlt alle im Ausland befindlichen Offiziere nach Russland zurückzukehren, was Seume nicht befolgen kann. Daraufhin Ausschluss aus der russischen Armee ohne Möglichkeit auf Pension. Als Hauslehrer unterrichtet Seume in Leipzig zunächst Sprachen (Englisch und Französisch), bevor er eine Anstellung als Korrektor in Göschens Grimmaer Druckerei annimmt. Für knapp vier Jahre wird Grimma Lebensmittelpunkt Seumes. Er wohnt und arbeitet im heutigen Seume-Haus am Markt. Hier entwickelt er auch seine Idee von einer Italienreise. Wichtiger Förderer wird der Halberstädter Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim, der einen freundschaftlichen Briefwechsel mit Seume aufnimmt. Als Korrektor verdient er sehr gut und ist vor allem für die Werkausgaben Wielands, Klopstocks und Ifflands zuständig.


1798
Gleim sendet Seume die hohe Summe von 100 Talern als Unterstützung. Im Oktober reist Seume nach Halberstadt, um Gleim zu besuchen. Eine weitere Reise führt Seume in den Harz, wo er den Brocken besteigt, und nach Eisleben. Die Vorbereitungen zur Italienreise nehmen Konturen an, wie Seume Gleim zu berichten weiß; erstmals fällt das Wort vom „Spaziergang nach Syrakus“. Im Dezember 1798 wird Seume doch noch ein ehrenvoller Abschied vom russischen Militär. Seume lernt Karl August Böttiger kennen.


1799
Die Arbeit bei Göschen wird von einer Auseinandersetzung mit dem einst bewunderten Klopstock überschattet: Klopstock ist überzeugt, dass der Korrektor bei der Messias-Ausgabe zu oberflächlich gearbeitet hat. Der Versuch Seumes, sich zu rechtfertigen, wird von Klopstock ignoriert; stattdessen wird der Schriftsteller ein Beschwerdebrief an Göschen verfassen. Göschen schaltet sich als Schlichter ein und Klopstock wird schließlich erkennen, dass manche Fehler im Messias-Text wohl auf seine eigene Unachtsamkeit zurückgehen. Seume lernt den bedeutendsten Schauspieler der Goethezeit kennen, August Wilhelm Iffland, der auch einer der erfolgreichsten Bühnenautoren seiner Zeit ist.


1800
Der ursprüngliche Plan Seumes, bereits 1800 nach Italien zu reisen, wird durch den Tod des Korrektorkollegen vereitelt: Seume möchte Göschen in dieser Situation nicht allein lassen. Gleim leiht Seume für die bevorstehende Italienreise 200 Taler, die später als Geschenk angesehen werden; Gleim bittet um strenge Geheimhaltung. In der Druckerei ist Seume vor allem mit Wielands Großroman „Aristipp und einige seiner Zeitgenossen“ beschäftigt, dem ersten Bildungsroman in deutscher Sprache, der Seume tief beeindruckt.


1801
Bevor Seume nach Italien aufbricht, beginnt er – die Gefährlichkeit seines Unternehmens nicht unterschätzend – eine Sichtung seiner Werke für die Nachwelt: die „Gedichte“ erscheinen. Im Herbst besucht Seume zusammen mit Schnorr von Carolsfeld und Henry Crabb Robinson, der sich kurzzeitig in Grimma aufhält, Weimar und Oßmannstedt. Dort kommt es zu Begegnungen u. a. mit Böttiger, Herder, Kotzebue, Schiller und Wieland. Auch ein Treffen mit Goethe kommt zustande; Seume und Goethe zeigen aber wenig Interesse aneinander – trotz der bevorstehenden Italienreise Seumes. Am 6. Dezember 1801 beginnt Seume seinen „Spaziergang nach Syrakus“ von Grimma aus. Bis Wien wird er von Schnorr von Carolsfeld begleitet.


1802
Im April erreicht Seume sein Ziel, Syrakus auf Sizilien. Auf der Rückreise über Paris sieht er am 14. Juli in einer großen Menschenmenge auch Napoleon; Seume ahnt, dass Napoleon das Ende der Französischen Revolution bedeutet. In Offenbach besucht er die verehrte Sophie La Roche. In Schmalkalden kommt es endlich zu einem Treffen mit seinem alten Freund Münchhausen, den Seume seit 1783 nicht mehr gesehen hat; die Begegnung verläuft allerdings sehr kühl. Ende August trifft Seume wieder in Leipzig ein. Er wird die ersten Wochen auf Göschens Landsitz in Hohnstädt [heute zu Grimma gehörend] verbringen, um seine Erinnerungen zu sammeln und wohl auch niederzuschreiben.


1803
Mit der Veröffentlichung vom „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ wird Seume ein durchaus bekannter Schriftsteller; das Buch wird in die deutsche Literaturgeschichte eingehen. Gleim, Herder und Klopstock sterben – zu allen Dreien stand Seume mehr oder weniger in Kontakt. Ein Nachruf auf Klopstock lehnt Seume ab – das Jahr 1799 ist noch in allzu guter Erinnerung. Eine erste schwere Erkrankung leitet die letzten Jahre von Seumes Leben ein. Kotzebues Angebot, Redakteur bei der Zeitschrift „Der Freimüthige“ zu werden, lehnt Seume ab.


1804
Seume unternimmt mehrere Reisen, u. a. nach Berlin und eine Wanderung in das Riesengebirge. Eine einseitige Liebe zu Johanna Loth, Tochter des Hohnstädter Rittergutsbesitzers, beschäftigt Seume sehr; Johanna wird wohl kaum zu diesem Zeitpunkt etwas von Seumes Zuneigung zu ihr gewusst haben.


1805
Um der bevorstehenden Hochzeit Johanna Loths mit dem Leipziger Devrient zu entgehen, reist Seume von April bis September in den Nordosten Europas: über Warschau geht es ins Baltikum, von dort nach Russland mit St. Petersburg und Moskau, schließlich über Finnland, Schweden und Dänemark zurück nach Leipzig. Auf seiner Reise lernt er die Zarin Maria Feodorowna kennen, die mit Seume über den gerade verstorbenen Schiller redet. Mehrere Angebote, Stellungen in Dorpat oder Leipzig anzunehmen, schlägt Seume aus – die Gründe sind nicht immer ganz zu durchschauen.


1806
Der zweite große Reisebericht „Mein Sommer 1805“ erscheint. Eine Wanderung führt Seume von Leipzig nach Dresden und Berlin. Kurz vor der Doppelschlacht von Jena und Auerstädt, wo die preußische Armee von den Franzosen vernichtet wird, trifft Seume letztmalig in Berlin Garlieb Merkel. Mit der Postkutsche reist Seume von Berlin über Düben nach Leipzig zurück.


1807
Seume begegnet seiner großen Liebe Johanna Devrient, geborene Loth, wieder; ein freundschaftlicher Briefwechsel beginnt. Im Dezember stirbt Seumes Mutter Regina Christina; bis heute ist das Verhältnis von Seume zu seiner Familie (einschließlich zur Mutter) nicht ganz geklärt. Die große Familiennähe, die Seume immer wieder betont, scheint es nicht gegeben zu haben.


1808
Im Frühjahr wandert Seume erneut nach Dresden. Ein schweres Blasen- und Nierenleiden gepaart mit Gicht wirft Seume nieder. Eine Weiterarbeit als Hauslehrer wird durch die Erkrankungen Seumes unmöglich, finanzielle Schwierigkeiten sind die Folge. Gegen Ende des Jahres kommt es zu einer leichten Besserung Seumes.


1809
Nachdem Friedrich Maximilian von Klinger Seumes Bitte, sich beim Zaren für eine Offizierspension einzusetzen, nicht nachgekommen ist, wendet sich Seume an Wieland. Letzte schriftstellerische Arbeiten von Seume werden die (fragmentarische) Lebensbeschreibung „Mein Leben“ [posthum 1813 bei Göschen erschienen] und seine politische Aphorismensammlung „Apokryphen“ [posthum und stark redigiert 1811 bei Hartknoch erschienen].


1810
Wieland bietet sich an, Seumes Bittschreiben an die ihm gut bekannte russische Zarin weiterzuleiten (die Zarin wird Seume eine Pension gewähren – die Nachricht erhält Wieland allerdings erst nach Seumes Tod). Kurze, für Seume beschwerliche Reisen führen Seume noch einmal in sein Geburtsort Poserna und nach Weimar. Freunde und Bekannte stellen Geld zur Verfügung, damit Seume einen Kuraufenthalt in Teplitz bzw. Töplitz [heute Teplice / Tschechische Republik] unternehmen kann. Zusammen mit der Dichterin Elisa von der Recke und deren Freund, dem Dichter Christoph August Tiedge erreicht Seume Anfang Juni 1810 Teplitz. Seumes Zustand verschlechtert sich zunehmend. Am 13. Juni 1810 stirbt Johann Gottfried Seume in Teplitz im Alter von 47 Jahren, zwei Tage später wird er nahe der Friedhofskapelle beerdigt. Damit schließt sich ein abenteuerliches Leben – selbst einem Roman gleichend ...

© Thorsten Bolte (Grimma), 2015